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Kommunalwahl Vom Flüchtlingskind zum Politiker

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Vielfältig engagiert: Der Sindlinger Zafar Khan.  Foto: Peter Jülich

Einst war Zafar Khan ein Flüchtlingskind, nun will der selbstständige IT-Berater für die SPD ins Stadtparlament. Der Sindlinger Ortsverein hat ihn als Kandidat für die Kommunalwahl nominiert. Nun wartet er gespannt auf den Listenparteitag am 19. September.

Als Zafar Khan zum Flüchtling wurde, war er acht Jahre alt, so alt wie sein ältestes Kind heute. In diesem Sommer, in dem so viele Asylsuchende nach Deutschland kommen, denkt der 32-Jährige oft an diese Zeit zurück, als ihm schien, er habe alles verloren. Obwohl er doch, „im Nachgang betrachtet“, großes Glück gehabt habe und heute zu schätzen wisse, was ein Leben in Frieden, was Demokratie, Religions- und Meinungsfreiheit wert seien.

Khan ist längst angekommen in Frankfurt und überaus umtriebig: Er ist nicht nur selbstständiger IT-Berater, sondern engagiert sich auch als Beisitzer im Sportkreis-Vorstand, ist Geschäftsführer beim FC Victoria Sindlingen, aktives Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde – und er hofft darauf, 2016 für die SPD ins Stadtparlament gewählt zu werden. Kürzlich hat ihn der Sindlinger Ortsverein, dessen stellvertretender Vorsitzender er ist, als Kandidaten für die Kommunalwahl nominiert. Nun wartet er gespannt auf den Listenparteitag am 19. September.

Mit seiner Frau und drei Kindern lebt Khan in einem einstigen Bauernhaus. Gerade ist er aus dem Dänemark-Urlaub zurück. Noch müde von der langen Autofahrt erzählt er, wie seine Familie sich als Angehörige der muslimischen Ahmadiyya-Minderheit in Pakistan 1990 zur Flucht gezwungen sah. „Meine Eltern waren von heute auf morgen Menschen zweiter Klasse.“ Sie seien wohlhabend gewesen, der Vater hochrangiger Militär, doch wegen seiner Religion sei ihm berufliche Verantwortung entzogen worden. Viele Ahmadis hätten um Leib und Leben gefürchtet.

So kam die Familie nach Hamburg, dann in eine Sammelunterkunft in Zeppelinheim. „Das war ein Schock für mich als Kind“, erzählt Khan. „In Pakistan hatten wir jemanden, der uns zur Schule fährt, ein großes Haus mit Pool und Haustieren.“ Nun wohnten die Khans mit anderen Flüchtlingen zu neunt in einem Zimmer mit Metallstockbetten.

Später ging es in den Odenwald und an die Bergstraße. „Insgesamt haben wir in acht Heimen gelebt, bis wir selbst entscheiden konnten, wo wir wohnen wollen“, erinnert sich Khan. Da war er bereits volljährig und zog nach Frankfurt. „Hier hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, es macht keinen Unterschied, welcher Herkunft du bist.“ Acht Jahre hatte es gedauert, bis die Familie ein Bleiberecht hatte, weitere sechs, bis Khan den deutschen Pass beantragen konnte. Davor habe er sich „nie zugehörig gefühlt“, obwohl er politisch interessiert und ein guter Schüler war, wie er sagt.

Freunde in anderen Parteien

Das Gefühl, nicht gleichwertig behandelt worden zu sein, hat schon früh Khans Gerechtigkeitsempfinden geweckt. Bis heute ist er enttäuscht von „den fremdenfeindlichen Dörfern“ seiner Kindheit, von Lehrern, die ausländische Kinder anders behandelt hätten als deutsche. Damals habe er aber auch gemerkt, dass Engagement sich lohnt: „Jedes Mal, wenn ich laut geworden bin, hat es etwas bewirkt. Nicht umsonst bin ich zum Schulsprecher gewählt worden.“ Auch sportlich feierte er Erfolge, schoss Tore für den örtlichen Fußballverein.

Die Stärkung von Sportvereinen und eine gerechte Bildungspolitik als Schlüssel zur Integration liegen ihm daher als Politiker besonders am Herzen. Seine Kompetenzen sieht er zudem im Bereich Finanzen und in der „Optimierung von Prozessen“: Seine Partei müsse sich stärker öffnen, Bürgern die Möglichkeit geben, mitzugestalten, auch über neue Technologien wie Smartphone-Apps. Kommunalpolitik bedeute letztlich einfach, „Gelder gerecht zu verteilen und die Prioritäten richtig zu setzen“. Letzteres tue die SPD in seinen Augen am ehesten, ihr Fokus auf Bildung, gerechte Löhne und Chancengleichheit habe ihn überzeugt; Genossen wie Gregor Amann und Uli Nissen hätten ihn vor sieben Jahren zum Parteieintritt motiviert.

Dabei, sagt Khan, habe er durchaus Freunde in anderen Parteien – „ich gelte als Diplomat!“ – und schätze gleichermaßen die parteiinterne Auseinandersetzung. Es trifft ihn dennoch, dass er seit seiner Nominierung feindselige Mails erhalte, die ihn als Muslim angriffen, einzelne Genossen seinen Glauben für nicht kompatibel mit Werten wie Gleichberechtigung hielten. Denn er selbst sieht seine religiösen und politischen Werte als „völlig konform“. Und in diesem Sommer, da Khan oft an seine Fluchtgeschichte zurückdenkt, sagt er, er fühle sich richtig in seiner Partei, in der es eigentlich „keine Rolle spielt, woher du kommst“.

Das Original aus der Zeitung:
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